Artist: ODEVILLE
Album: „Rom“
VÖ: 19.10.18
Formate: Digital, CD, Vinyl
Label: PandaPanda
Vertrieb: The Orchard / Soulfood
Web: www.facebook.com/odevillemusic
Web: www.odeville.de


Zunächst die Fakten: Odeville ist eine Hamburger Band mit einer langen Geschichte. 2006 gegründet, zeugen ihre bislang fünf veröffentlichten Alben von einer wechselhaften Historie, stets angetrieben von dem Wunsch, als Band künstlerisch weiter zu kommen. Begonnen als eine deutsche Antwort auf die US-amerikanischen Emo- /Screamo- und Post-Hardcore-Bands mit englischem Shouting, dann der Wechsel zu deutschsprachiger Musik und mehr Zugänglichkeit – ohne dabei den Wunsch nach unkonventionellen Songstrukturen aufzugeben – bis hin zum letzten Album „Phoenix“, das in seiner klaren Orientierung hin zu einer einschmeichelnden Gefälligkeit zu ihrem bis dato poppigsten Werk geriet und ihnen viele neue Fans bescherte. Über all diese Jahre und Platten bewiesen Odeville immer wieder, worum es ihnen letztlich geht: Sich immer wieder neu aufstellen und mit großer Eleganz und ungezügelter Ambition geile Musik erzeugen – ungeachtet aller Erwartungen, Schubladen und bereits erreichten Fankreise. Und nun also „Rom“, Album Nummer sechs, auf dem wieder vieles ganz anders und neu ist. Nicht nur für die Band selber, sondern auch generell innerhalb der Szene deutschsprachiger Rockmusik.

Den Kern von Odeville bilden seit Anfang an Gitarrist David, Drummer Sascha und Sänger Hauke. Der Posten des Bassisten wurde einige Male neu besetzt und wird nun bekleidet von Tim, während Tastenmann Martin erst in den letzten Jahren vom Gast-Keyboarder zum festen Mitglied aufstieg. „Wir sind auf eine stoische Weise unerbittlich mit Odeville und haben echt viele Bands überlebt“, lacht David. „Aber bewusst habe ich mir über diese lange Zeitspanne nie Gedanken gemacht, die Zeit ging eben einfach so vorbei, und man hat weiter gemacht. Dabei war das Drumherum ein ebenso guter Ansporn zum Weitermachen wie die internen Entwicklungen und Veränderungen. Ich bin ja auch Musiklehrer, mein Vater hat Mucke gemacht, und insofern ist es für mich eine Art Selbstverständlichkeit, mit Odeville immer weiter zu machen. Es ist ein Stück weit einfach Leben, das zu tun und weiter zu verfolgen.“

Natürlich – sie haben Erfolge gefeiert über diesen langen Zeitraum, und sie haben vor allem, sagt Hauke, „eine unglaublich treue Fanbase, die jeden unserer Winkelzüge mitgeht und unterstützt. Und letztlich bin ich eigentlich ganz froh, dass bis heute die eine große Hitsingle noch nicht dabei war. Wir haben eben auch Vorbilder, die nicht aus dem Mainstream stammen, die ihr ganz eigenes Ding durchziehen. Das war schon damals so, als wir anfingen, da waren Bands wie Brand New, Blood Brothers, Tool und Dredg unsere Orientierungspunkte. Und auch mit den folgenden Alben haben wir uns immer eher am Indie und Underground orientiert als am Pop, an Bands wie Beatsteaks, Future Islands oder auch Portishead, bis hin zum Storytelling von Marteria. Wenn man bei uns genau hinhört, kann man in bald jedem Song andere Inspirationsquellen finden. Und da wollen wir natürlich gern anknüpfen und lieber über die lange Distanz mit Kontinuität und guter Musik überzeugen, als dass wir plötzlich zur Hit-Band werden, die ständig an ihrem Single-Erfolg gemessen wird. “

Ein wichtiger Schritt hin zu dem, was man nun auf „Rom“ hört, war das Vorgänger-Album „Phoenix“. Jenes entstand in den Hannoveraner Horus Studios und wurde produziert von Arne Neurand (Donots, ...Trail of Dead, Revolverheld). Es sei, so Hauke, „ein wichtiger Schritt gewesen, mal jemand von außen in den kreativen Prozess zu holen, zumal Arne auch jemand ist, der weit mehr ist als nur ein Produzent, sondern ein Typ, mit dem man gern auch mal ein Bier trinken geht.“ Da lag es auf der Hand, auch „Rom“ wieder in Hannover mit Arne einzuspielen, und man hört dem Album an, dass hier eine sehr funktionierende Einheit am Werk ist, die sich gut kennt und das jeweils Beste aus jedem einzelnen Detail herauszukitzeln. Und dabei aber eben nicht stehen zu bleiben, sondern sich immer weiter zu entwickeln.

Dies gilt nicht nur für die Musik, die sich in ihrer stilistischen Breite auf herrliche Weise jeder klassischen Kategorisierung entzieht und vor höchst angriffslustiger Verzerrung ebenso wenig zurück schreckt wie vor balladesken Momenten von großer Intimität. Hauke sinniert: „Auf 'Phoenix' fanden sich gute Phrasen, markante Textzeilen und so manche treffende Umschreibung. Aber für mich als Künstler war es wichtig, auf 'Rom' mehr ins Erzählen zu kommen, ganze Stories anzubieten, die ich narrativ wiedergebe. Mir war klar, dass ich jetzt mal anfangen muss, Geschichten zu erzählen, das war überfällig. Weißt du, mit 27 habe ich gesagt: Ich gebe der Band noch ein Jahr, dann gehe ich im Hafen arbeiten. Und plötzlich sind zehn Jahre vergangen und du bist noch immer in dieser Band – und voll glücklich damit. Und du stellst fest: Es ist noch lange nicht vorbei, es brennt noch immer – oder vielleicht sogar noch mehr als früher.“

Das Brennen hat auch neue Nahrung erhalten durch ein frisches Umfeld, das sich für Odeville nach „Phoenix“ ergab. Denn die Band hängt tief mit drin in einem wunderbaren Selfmade-Clubprojekt Hamburgs, der Hebebühne, ursprünglich initiiert von den Mitgliedern der Band Brett. Zwischen den beiden Bands besteht nicht nur eine enge Freundschaft, es findet eben auch eine starke gegenseitige Inspiration statt. „Dieses kreative Umfeld hier, wo einfach immer was gemacht wird, anstatt sich erst mal zu fragen, ob das auch Sinn macht, das hat sich auch nachhaltig auf unsere Arbeit bei Odeville ausgewirkt“, berichtet Hauke. Von daher wird einfach gemacht, was sich richtig anfühlt, und sei es auch ein plötzlicher Reggae-Offbeat, der aber groovt wie Sau, oder ein hymnischer Refrain, der sich in einem eher abstrakt strukturierten Song versteckt. „Hauke meinte mal zu mir, 'Rom' klänge letztlich wie ein cooles Mixtape, wo für jeden was dabei ist“, so David. „Genau so empfinde auch ich die Platte.“

Hauke, der neben der Musik ja auch Schauspieler und Regisseur am Theater ist, findet es „geil, wenn mutiges Theater die Leute ranholt und etwas mit ihnen macht – und warum sollte das mit Musik anders sein? Klar kann man jetzt sagen, dass 'Rom' für all jene, die den Vorgänger 'Phoenix' mochten, ein kompletter Anschiss ist. Aber auch 'Phoenix' war schon ein kompletter Anschiss für jene, die die beiden Alben davor gut fanden. Aber das Schöne an unseren Fans ist eben, dass sie das verstehen und mitgehen.“ Dass sie damit richtig liegen, zeigt übrigens ein ganz banaler, aber in der heutigen Social-Media-Realität höchst seltener Umstand: Sie verkaufen mehr physische Alben, als sie Facebook-Likes haben. Es dürfte nicht mehr allzu viele Bands geben, auf die diese Aussage zutrifft. Odeville ist eben die deutsche Band, die diesen künstlerischen Mut des Theaters überträgt auf deutschsprachige Rockmusik – bis hin zur durchweg höchst durchdachten Dramaturgie der einzelnen Songs. Weil sie es kann und auch muss. Weil das in ihren Genen steckt.

 Wirklich neu an der Platte sei, findet die ganze Band, „dass wir nun eben keine Kids mehr sind. Wir akzeptieren unser Erwachsensein – und binden das auch in die Arbeit ein. Und in eine Selbstverständlichkeit unseres Tuns, das jetzt eben so sein muss, weil wir das fühlen.“ Ein nachgerade dramatischer Beweis für die These des Erwachsenseins fanden sie in dem Tatbestand, dass im Zuge des sich über fast zwei Jahre erstreckenden Zeitraums der Albumaufnahmen gleich vier der fünf Mitglieder ein Burn-Out hatten. „Wir waren alle schlicht und ergreifend komplett überarbeitet mit all den Jobs und Projekten, die wir neben Odeville noch machen“, erzählt Hauke. „Ich habe über den gesamten Zeitraum neben den Bandaktivitäten jede Woche rund 60 Stunden gearbeitet, andere Mitglieder hatten Schauspielprojekte, sind parallel noch umgezogen und hatten auch daneben viel auf der Uhr. Und dann sitzt du da im Studio, und alle bis auf den Drummer und den Produzenten sind komplett am Arsch. Die ganze Leichtigkeit der Aufnahmen zu 'Phoenix' war dahin, auch dieses Gefühl, dass sich alle einfach lieb haben. Stattdessen war das eine Grundstimmung, die man kaum beschreiben kann, wo wir extrem viel gegenseitige Negativiät ausgehalten und letztlich in etwas Kreatives umgewandelt haben. Im Nachhinein müssen wir unserem Produzenten unendlich dankbar sein, dass er es ausgehalten hat, mit vier kompletten Wracks zusammen dieses Album aufzunehmen.“

Er erzählt weiter, wie er zwei Wochen lang die gesamten Gesangsspuren aufnahm, und als diese im Kasten waren, „habe ich allen erzählt, wie unendlich glücklich ich in dem Moment war. Und am nächsten Tag ruft meine Schwester an, in Tränen aufgelöst, und berichtet mir, dass unser Vater gestorben ist. Zu dem Zeitpunkt waren viele der Texte noch so im Sinne von 'ich möchte gern Revolverheld in cool sein'. Ich bin dann runtergefahren, und da lag dann also mein Vater. Als ich dann zurück kam, habe ich sieben Songtexte noch mal komplett neu geschrieben und umgeschmissen. Denn viele der Texte waren einfach zu nett, sie waren letztlich belanglos. Und so fing ich an, Texte für meinen Vater zu schreiben, die aufrichtig und unverblümt sind.“ So etwa entstand der Text zu „Königreich“, und auch so erklären sich darin Kraftausdrücke wie „Fick dich“ – ein wahnsinnig starker, dringlicher Text, „für den ich 15 Minuten gebraucht habe“, so Hauke.

Es ist eine etwas abgenutzte Redewendung, aber selten traf sie so zu wie auf Odeville: Das einzig Beständige ist der Wandel, und gerade dafür kann und muss man diese Band so schätzen. Eine Band, die den ursprünglich aus dem US-Punk stammenden DIY-Gedanken bis heute und in aller Konsequenz weiter trägt – wie sich auch daran zeigt, dass Odeville „Rom“ nun, nachdem sie die letzten zwei Alben in Kooperation mit einem Label veröffentlichten, ganz auf eigene Faust herausbringen. „Wir sind es irgendwie eh gewohnt, alles selber zu machen, schon weil wir dann sicher sind, dass es so wird, wie wir uns das vorstellen“, sagt David abschließend. Damit geht die Band sicher nicht den leichtesten Weg, aber das hat sie noch nie getan. Viel wichtiger sind all die Aspekte, die wahre Kunst letztlich auszeichnen: Glaubwürdigkeit. Substanzielle Tiefe und interpretatorischer Raum. Keine Begrenzungen, die der Markt oder ein aktueller Trend vorgeben würden. Eigenständigkeit, bis hin zur vorsätzlichen Mutwilligkeit in der Abgrenzung gegenüber Konfektions-Ware. Und in alldem eine signifikante Eigenständigkeit zwischen Melodiosität und kompositorischer Konfrontation, zwischen Eingängigkeit und eruptiver Roughness, zwischen dem Feiern des Moments und dem Erzeugen von etwas zeitlos Großartigem. Für all das kann man Odeville nicht hoch genug schätzen – und ihnen mit „Rom“ nur allen Erfolg wünschen, den sie mehr als verdient haben.

ODEVILLE Live 2018

  • ODEVILLE_1_credit_Aileen_Hoeltke_1500
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  • ODEVILLE_3_credit_Aileen_Hoeltke_1500
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